Mit Regenschirm und Gummistiefel gegen den Tsunami
- Anton Adler

- 29. Sept. 2022
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. Okt. 2022
Es tut weh. Aber wir sollten akzeptieren, dass wir den Klimawandel nicht mehr aufhalten können.

In den letzten Jahren bekamen wir die Klimakrise mit aller Wucht zu spüren. 2022 ist so viel Wald verbrannt in Europa wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Fast ein Drittel Pakistans stand unter Wasser. Und in Italien musste wegen Mangel an diesem in mehreren Provinzen der Notstand ausgerufen werden. Die Nachrichten darüber gingen unter in den Meldungen über Corona und jetzt über den Ukraine-Krieg. Ich selbst merkte, wie ich Beiträge über Naturkatastrophen immer häufiger skippte. Wozu auch über etwas Alltägliches lesen? Derweil nehmen Intensität und Häufigkeit der Ereignisse weiter zu.
Der Klimawandel hat seine Abstraktheit verloren. Wurde noch vor zehn Jahren gesagt, er würde uns erst in der fernen Zukunft treffen, spüren wir ihn heute täglich vor unserer Haustür. Bereits jetzt ist die Temperatur im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten um 1,2 °C gestiegen. Bis 2030 wird aktuell (es wird nämlich jedes Jahr nach oben korrigiert) ein Anstieg von 1,5 °C prognostiziert und bis zum Ende des Jahrhunderts um bis zu 5,7 °C. Da muss man kein:e Klimaforscher:in sein, um sich vorzustellen, was von der Zukunft zu erwarten ist, wenn wir jetzt schon kaum Zeit zum Durchatmen zwischen den Naturkatastrophen haben.
Es ist naiv zu glauben, dass man etwas folgenlos aufhalten kann, das schon längst begonnen hat.
Leider hat uns Hollywood blind dafür gemacht, den Weltuntergang zu sehen. Filme wie 2012 oder The Day After Tomorrow haben ein falsches Bild in unseren Köpfen entstehen lassen, wie so ein Weltuntergang aussehen wird. Danach wird es eine Sache von wenigen Tagen oder gar Stunden sein. Tatsächlich starben aber die wenigsten Spezies auf der Erde plötzlich aus. In der Realität zieht sich so ein Prozess über viele Jahre und Jahrzehnte. Der Weltuntergang hat schon längst begonnen, wir merken es bloß nicht.
Viele werden mir jetzt widersprechen. Gerade deshalb betreiben wir ja den Klimaschutz, um dieses Szenario zu verhindern. Wir müssten einfach endlich das Pariser Klimaabkommen umsetzen, unsere Treibhausgasemissionen drastisch reduzieren. Dann könnten wir doch auch diesen Weltuntergang aufhalten, oder?
Ganz so einfach ist es leider nicht. Es ist naiv zu glauben, dass man etwas folgenlos aufhalten kann, das schon längst begonnen hat. Selbst wenn wir von heute auf morgen auf der ganzen Welt alle klimaschädlichen Tätigkeiten einstellen und unseren CO2-Ausstoß auf null reduzieren würden - was geschehen ist, kann nicht wieder rückgängig gemacht werden. So gibt es zum Beispiel den Albedo-Effekt*, der dafür sorgt, dass das Polareis immer schneller schmilzt, wenn der Prozess erst einmal in Gange ist, auch wenn es keine weitere Erwärmung gibt. Auch der Regenwald wächst nach der jahrelangen Abholzung und Brandrodung nicht so nach, wie er ursprünglich einmal war, sondern nur zu einem Sekundärwald*, der eine deutlich geringere Artenvielfalt hat und auch nicht so effektiv Kohlenstoffdioxid filtern kann. Und es bräuchte schätzungsweise 100.000 Jahre, bis die CO2-Konzentration wieder das Niveau erreichen würde, das sie vor dem Menschen hatte.

Halten wir also fest: Der Klimawandel ist da und er lässt sich auch nicht mehr aufhalten. Was können wir also tun? Uns an ihn anpassen!
So betrachte ich es beispielweise als einen großen Fehler, die von der Flut zerstörten Häuser im Ahrtal einfach an ihren alten Plätzen wieder aufzubauen. Allein dass sie zerstört wurden, beweist schon, dass sie ursprünglich dort gar nicht hätten stehen sollen. Die Flut wird eines Tages wieder zurückkehren, womöglich noch stärker als letztes Mal. Es sollten Sperrzonen um Gewässer eingerichtet werden, in denen nichts gebaut werden darf und stattdessen dort Moore angepflanzt werden, die bei einer Überschwemmung Wasser aufnehmen können und ganz nebenbei auch CO2 einspeichern. Die Niederlande sind mit gutem Beispiel vorangegangen und haben ein modernes Flutabwehrsystem erbaut. Dieses kann allerdings nur eine Zwischenlösung sein, um Zeit zu gewinnen. Steigt der Meeresspiegel weiter an, könnte das Land bis 2300 fast komplett verschwinden. Womit ich auch schon zum zweiten Punkt komme. Wir brauchen ein umfassendes Migrationskonzept in Europa - auch für Binnenmigration. So müssten die an den Küsten lebenden Niederländer:innen langsam ins Landesinnere umgesiedelt werden, so etwa auch nach Deutschland. Je früher wir damit anfangen, desto weniger Chaos gibt es später, wenn das Wasser bereits wortwörtlich bis zum Hals stehen wird.
Auch an die genau gegenteilige Situation, den Wassermangel, müssen wir uns anpassen. Unsere Landwirt:innen melden schon seit längerer Zeit Ernteausfälle, die ihre Existenz bedrohen. Sie müssen langsam wegkommen von den Pflanzen, die hier vor der Klimakrise gut gediehen und stattdessen solche anpflanzen, die normalerweise weiter südlich in trockeneren Gebieten wachsen. Wenn sie beide Arten mischen, wird unabhängig davon, wie der Sommer wird, wenigstens ein Teil der Ernte erhalten bleiben. Generell müssen wir bewusster mit Wasser umgehen. So sollte per Gesetz der Trinkwasserverbrauch pro Person im Sommer begrenzt werden und zwar nicht erst wie in Italien, wenn es plötzlich kein Wasser mehr gibt. Zusätzlich könnte man zum Beispiel Rasen verbieten.
Zuletzt muss auch die Katastrophenvorsorge massiv ausgeweitet werden. Ein Grund, wieso im Ahrtal so viele Menschen gestoben sind, war die nicht rechtzeitige Warnung. Die Frühwarnsysteme müssen besser funktionieren, es müssen mehr Schutzräume und Notunterkünfte gebaut werden. Die Menschen sollten verpflichtet werden, Notvorräte zu Hause zu haben, mit denen man wenigstens drei; besser sieben Tage überleben kann. Außerdem sollten Neubauten keine Keller mehr besitzen.

Um das an dieser Stelle klarzustellen: Ich will nicht sagen, dass wir unsere Klimaschutzmaßnahmen fallen lassen sollten. Mich stört nur, dass dieser zweite sehr wichtige Aspekt des Klimawandels, den der Anpassung an diesen, bislang fast völlig ignoriert wird. Oder habt ihr schon mal eine Demonstration für mehr Vorsorgemaßnahmen gesehen?
Wieso ist das so? Wahrscheinlich, weil die meisten Menschen immer noch denken, wir könnten den Klimawandel aufhalten, wenn wir uns nur hart genug anstrengen. Nennt mich einen Pessimisten, aber leider ist dem so nicht. Den Punkt, an dem wir das hätten machen können, haben wir bereits überschritten. Für mich ist der Klimaschutz mehr Mittel zum Zweck, um den Klimawandel zu verlangsamen und so mehr Zeit für die Anpassung zu gewinnen.
Die Vergangenheit können wir nicht beeinflussen, wir haben unsere Erde nun mal für viele Jahre unwiederbringlich zerstört. Sehen wir nun zu, wie wir das beste daraus machen.
Glossar:
Albedo-Effekt: Eis reflektiert aufgrund seiner Beschaffenheit einen Großteil des Sonnenlichtes. Wasser hingegen absorbiert einen Großteil. Schmilzt also aufgrund eines Temperaturanstiegs ein Teil des Eises, wird auch ein geringerer Teil des Sonnenlichtes reflektiert. Dadurch wärmt sich das umliegende Wasser weiter auf, was wiederum mehr Eis schmelzen lässt und so weiter.
Sekundärwald: Der ursprüngliche Wald wird als Primärwald bezeichnet. Wird er zerstört (z. B. durch Abholzung) und lässt man daraufhin wieder einen neuen Wald wachsen, so wird dieser zu einem Sekundärwald. Im Regenwald zeichnet sich ein Sekundärwald im Gegensatz zu einem Primärwald durch fehlende Übersteher, ein niedrigeres Kronendach, einen dichteren Unterwuchs, einer geringeren Artenvielfalt und einer geringeren Aufnahmekapazität von Kohlenstoffdioxid aus.
Quellen:


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