Punkte für die Umwelt
- Anton Adler

- 1. Sept. 2021
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. Okt. 2022
Die heiße Phase des Wahlkampfes beginnt. Obwohl der Klimawandel für viele das wichtigste Thema ist, klettern die Umfragewerte der Grünen seit Wochen immer weiter ab. Das mag zum Einen an der Kanzlerkandidatin liegen, vor allem haben aber viele die Befürchtung, die Partei würde "Politik für die Reichen" machen. Und damit haben sie nicht ganz unrecht: Steigt zum Beispiel der Benzinpreis an, trifft das die Unter- und Mittelschicht hart, während sich Vermögende kaum einzuschränken brauchen. Müssen wir das also einfach hinnehmen oder gibt es Methoden, wie Klimaschutz sozial gerechter vollzogen werden kann?
Die kritische Marke von 1,5 Grad Erderwärmung wird voraussichtlich bereits 2030 erreicht und damit zehn Jahre früher als 2018 angenommen. So lautet der neuste Bericht des Weltklimarates IPCC*. Generell werden ständig Prognosen im Bezug zum Klimawandel, die vor zehn Jahren noch als Worst-Case-Szenario galten, bei Weitem überschritten. Wie kommt es, das wir mit dem Klimaschutz immer weiter zurückfallen, obwohl es 65 % der Deutschen für ein sehr wichtiges Thema halten?
Wir suchen die Schuld dafür häufig bei anderen; bei der Politik oder den Konzernen. Dabei sind wir es, die die Produkte der Konzerne konsumieren und Anreize der Politik zum Kauf von Elektroautos nicht wahrnehmen. Die größte Verantwortung bei der Umweltverschmutzung trägt schlussendlich das Individuum. Doch diesem fällt der Klimaschutz offenbar immer noch sehr schwer. Vielleicht liegt das daran, dass man nicht bei jedem Kauf, jeder Reise und generell jeder Handlung vor Augen hat, wie groß der Einfluss dessen auf die Umwelt eigentlich ist. Man weiß schon irgendwie, dass für die neuen Möbel wahrscheinlich Bäume im Regenwald abgeholzt wurden, aber das Ausmaß ist unklar.
Wir erkennen den Wert einer Ware oder einer Dienstleistung normalerweise am Preis. Das ist das Erste, worauf wir beim Kauf achten. Kostet eine Tasche 100 € und eine andere nur 30 €, stellen wir uns ungefähr die Qualität beider Artikel vor. Wahrscheinlich wurde die erste besser verarbeitet oder aus besseren Materialien hergestellt. Das stimmt natürlich nicht immer, auf jeden Fall gibt der Preis aber eine gute Orientierung.
Wie wäre es also, wenn es ein Punktesystem gäbe, das einem in ähnlicher Weise eine Orientierung geben würde, wie groß der Einfluss des Kaufes auf das Klima ist? Hat eine Ware oder Dienstleistung null "Klimapunkte", so ist diese klimaneutral. Je höher die Punktzahl, desto klimaschädlicher ist sie. Würde man auf dem Preisetikett lesen, dass die Eier aus Freilandhaltung im Gegensatz zu denen aus Bodenhaltung zwar mehr Geld kosten, gleichzeitig aber nur 10 statt 15 Klimapunkte haben, würde man sich schon eher für diese entscheiden.
Das System setzt man einfach fort. Fleisch aus Massentierhaltung kostet mehr KP als jenes aus Bio-Produktion. Ein Langstreckenflug kostet vielleicht 500 KP, ein Inlandsflug 1500. Recyceltes Toilettenpapier ist günstiger als das aus Holz hergestellte. Man zahlt beim Tanken und beim Bau eines Hauses, beim Restaurantbesuch und beim Kauf einer Jeans neben Geld eben auch immer Klimapunkte.
Man denke diese Idee weiter. Wie wäre es, wenn es eine monatliche Begrenzung gäbe, die man an Klimapunkten ausgeben darf? Jede:r Bürger:in bekommt zu Monatsbeginn eine feste Zahl an Klimapunkten, sagen wir 1000. Diese darf man nach Belieben nutzen, muss aber eben auf das Limit achten. Es besteht auch die Möglichkeit, die Punkte aufzusparen, um sich dann zum Beispiel ein Mal im Jahr einen Flug leisten zu können oder nach ein paar Jahren ein Auto. Außerdem würde es regelmäßig Angebote geben, sein Klimakonto wieder aufzuladen. So könnte man am Wochenende am Strand Müll sammeln oder Bäume pflanzen und würde dafür 100 Klimapunkte gutgeschrieben bekommen.
Und jetzt kommt der Clou: Jeder und jede bekommt genau die gleiche Zahl an Klimapunkten, unabhängig vom Einkommen, Geschlecht, Vermögen, sozialem Hintergrund oder sonst was. Damit werden die sozialen Folgen des Klimaschutzes zumindest abgeschwächt. Zusätzlich gibt es keine grundsätzliche Verbotspolitik mehr. Wenn du Fleisch essen willst, dann esse Fleisch. Wenn du mit dem Flugzeug reisen willst, dann reise mit dem Flugzeug. Du kannst selbst entscheiden, auf welche Bereiche du verzichten kannst und willst und auf welche nicht. Du musst dich einschränken, klar, aber eben nicht generell auf etwas verzichten. Somit verliert der typische Satz der Klimaschutzgegner:innen, "Ich esse jetzt meine Wurst, solange man in diesem Land noch Wurst essen kann", wohl endgültig seinen Sinn.
Natürlich wird es auch Ausnahmen geben. So werden Medikamente, die vom Arzt oder von der Ärztin verschrieben wurden, grundsätzlich keine Klimapunkte kosten. Auch werden Menschen mit Behinderung "klimakostenfrei" Auto fahren können. Alle Bereiche, bei denen es keine Alternativen gibt oder aber diese mit großen Schwierigkeiten verbunden wären, werden von der Regelung befreit sein.
Und was machen Unternehmer:innen, die viel Reisen müssen, um Verträge zu schließen oder Baustellenfahrer:innen, die ihres Berufes wegen schwere, umweltschädliche Lastfahrzeuge fahren müssen? Werden sie ihr gesamtes Klima-Budget bei der Arbeit verpuffen und dann nichts mehr im Privaten übrig haben? Auch dafür gibt es eine Lösung. So wie jede Person individuell monatlich eine bestimmte Zahl von Klimapunkten kriegt, so bekommt auch jedes Unternehmen diese abhängig von der Zahl der Mitarbeiter:innen. Beispielsweise kriegt dann ein Unternehmen, nennen wir es einfach "Papieradler", jeden Monat 100.000 KP und kann dann selbst entscheiden, wie viel davon auf die Geschäftsreisen geht und wie viel auf die Produktion. Es darf das Limit ebenfalls nicht überziehen und muss dementsprechend umweltbewusst handeln. In jedem Fall haben die Entscheidungen des Vorstandes aber keinen Einfluss auf das Privatleben der Arbeitnehmer:innen, da die Konten klar getrennt sind.
So ein Klimapunktesystem ist gewiss gewöhnungsbedürftig und wird am Anfang für Schwierigkeiten sorgen. Viele haben schon Probleme damit, ihr Geld-Budget so zu planen, dass es bis zum Monatsende ausreicht. Soll man jetzt im Supermarkt immer zweimal auf die Preisetiketten schauen und zweimal berechnen, wie teuer das Produkt ist? Und was hat im Zweifel mehr Gewicht, der Geld- oder der Klimapreis? Nach welchen Kriterien werden die Klimapunkte überhaupt vergeben, nur nach dem CO₂-Ausstoß? Dann werden andere wichtige Kriterien wie das Tierwohl aber ausgelassen. Nimmt man aber alle Aspekte mit rein, muss man schlussendlich jedes Produkt individuell bewerten und ist das nicht viel zu aufwendig?
Die Details müsste ein Expert:innenteam klären. In einer ausgereifteren Form würde die Idee aber dazu beitragen, dass die Schere zwischen arm und reich durch Klimaschutzmaßnahmen nicht noch weiter auseinandergeht. Und last but not least: Sie schafft ein Umweltbewusstsein, da der eigene Einfluss auf die Umwelt von "Mein Einkauf heute war recht klimaschädlich" zu einer klar erfassbaren Zahl wandelt.
Glossar:
IPCC: Der "Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen" oder kurz "Weltklimarat" ist das Gremium der Vereinten Nationen zur Bewertung der wissenschaftlichen Erkenntnisse im Zusammenhang mit dem Klimawandel. Er bewertet regelmäßig die wissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels, seiner Auswirkungen und künftigen Risiken sowie Optionen zur Anpassung und Abschwächung.
Quellen:




Kommentare