Impfung gegen Hass
- Anton Adler

- 20. Jan. 2022
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. Okt. 2022
Brauchen wir eine Impfpflicht? Um diese Frage zu klären, sollten wir erst mal wieder zu einer angemessenen Diskussionskultur zurückkehren.
Vor ein paar Monaten sah ich ein Meme. Sinngemäß hieß es dort: "Die Menschen teilen sich gerade in zwei Gruppen. Die eine wartet darauf, dass die Geimpften sterben, und die andere, dass die Ungeimpften sterben." Ich persönlich hoffe, dass alle am Leben bleiben.
Zur Impfpflicht wollte ich eigentlich keinen Artikel schreiben. Ich hatte meine Meinung dazu kurz auf Twitter angedeutet und das sollte reichen. Schließlich existieren bereits genug Kommentare zu diesem Thema. Doch in letzter Zeit haben die Diskussionen dazu so an Aggressivität gewonnen, dass ich doch meinen Standpunkt darlegen möchte.
Eine Impfpflicht würde die Gesellschaft spalten, heißt es oft. Das braucht sie nicht. Auch wenn oft etwas anderes behauptet wird, die Gesellschaft ist schon längst gespalten. Es reicht schon aus, sich die Kommentare auf Twitter zu einem Post über Impfungen anzuschauen. Lädt jemand ein Bild seines geimpften Kindes hoch, heißt es "Euch Kinderschändern sollte man das Sorgerecht entziehen." Twittert hingegen eine Ärztin, sie kündige lieber, als sich impfen zu lassen, wird unbedingt jemand kommentieren: "Gut so. Von so einer Person würde ich mich eh nicht behandeln lassen."
Man könnte mir jetzt widersprechen, so ein Phänomen sei eine Eigenart von sozialen Netzwerken. Dort werde immer übertrieben und gehetzt. Doch zum einen sind die sozialen Netzwerke schon längst ein Teil unseres Lebens geworden, hier finden sich fast alle gesellschaftlichen Gruppen wieder. Zum anderen habe ich mittlerweile auch viele Fälle in der analogen Welt erlebt. Erst vor Kurzem unterhielt ich mich mit einem Freund über das Thema. Als ich sagte, ich sei gegen eine Impfpflicht, fragte er mich sofort, ob ich etwa noch nicht geimpft sei. Er konnte einfach nicht verstehen, wie jemand drei Mal geimpft sein und sich trotzdem gegen eine Impfpflicht aussprechen könne.
Ja, ich habe bereits meine Booster-Impfung hinter mir. Und ja, ich bin gegen eine Impfpflicht.
Solidarisch zu sein, heißt nicht nur solidarisch zu sein mit der eigenen Gruppe, sondern mit allen Menschen. Interessanterweise wandert die Quote der Impfpflichtbefürworter:innen stets mit der Anzahl der Erstimpfungen in Deutschland. So befürworteten am 02. Dezember 71 % der Deutschen eine allgemeine Corona-Impfpflicht für Erwachsene. Am gleichen Tag hatten 71,6 % ihre erste Spritze hinter sich. Scheinbar befürworten all diejenigen die Impfpflicht, die selber geimpft sind.
Denken die Impfpflichtbefürworter:innen wirklich an das Wohl der Gemeinschaft? Fordern sie sie wirklich nur aufgrund der überfüllten Kliniken und der Sorge um Menschenleben? Oder steht nicht eher der individuelle Nutzen im Vordergrund, dass die Clubs schneller öffnen und man wieder ordentlich feiern kann?
Ich will nicht allen eine solche Einstellung unterstellen. Aber es hilft wirklich, sich in die Lage der anderen hineinzuversetzen, auch wenn diese Weisheit abgenutzt klingt. Nicht alle, die sich noch nicht haben impfen lassen, sind "Querdenker", die nicht an das Corona-Virus glauben oder eine Verschwörung der Regierung hinter dem Ganzen sehen. Es gibt Ungeimpfte, die verlassen ihr Haus nur, wenn es absolut nötig ist, tragen immer eine FFP2-Maske und lassen sich freiwillig testen. Und es gibt Geimpfte, die sich mit 20 Personen zu einer Silvesterparty treffen. Wer sorgt sich in diesem Fall mehr um das Wohl der Gesellschaft?
Des Weiteren gibt es nun mal keine Pflicht zur Solidarität. Wenn eine junge Studentin ihre individuellen Risiken einer Impfung (z. B. seltene Blutgerinnsel) höher einschätzt als den individuellen Nutzen (weil eine Infektion wahrscheinlich mild verlaufen würde), ist es ihr gutes Recht, auf die Impfung zu verzichten. Schließlich muss man vor einer OP auch einen Aufklärungsbogen ausfüllen, in dem alle Risiken klar ausgeführt sind. Unterschreibt man diesen, geht man diese Risiken bewusst ein und übernimmt die Verantwortung. Wer trägt die Verantwortung, wenn tatsächlich eine Person zur Impfung gezwungen wird und dann schwere Nebenwirkungen auftreten (auch wenn das sehr selten passiert)? Der Arzt? Die Regierung?
Tatsächlich trägt zum Hass auf die Ungeimpften auch die Politik bei. Ungeimpfte sind die neuen Sündenböcke der Pandemie. Die Kliniken sind überfüllt? Die Ungeimpften sind schuld. Die Sterberate steigt? Die Ungeimpften sind schuld. Menschen ohne Impfung eignen sich perfekt, um die Fehler der Politik zu vertuschen. Am Ende war es aber die Untätigkeit der Regierung Ende letzten Jahres, die zu solch hohen Inzidenzen geführt hat. Aber da war ja der Wahlkampf wichtiger ...
Natürlich ist es sinnvoll, dass so viele Menschen wie möglich geimpft sind. Aber durch eine Impfpflicht wird die Akzeptanz nicht steigen. Wenn man eine Pflicht einführen möchte, dann für ein Aufklärungsgespräch. Alle ungeimpften Menschen müssen einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen, die sie über die Impfung aufklärt und mögliche Sorgen widerlegt. Ich bin mir sicher, dass sich viele Menschen dann doch für die Impfung entscheiden würden - ganz ohne Zwang. Am wichtigsten bleibt aber die Rückkehr zu einer angemessenen Diskussionskultur. Wenn wir Ungeimpfte weiter als Corona-Leugner beschimpfen, werden sie sich nur in ihrer Meinung bekräftigt fühlen.
P. S.: Auch wenn ich gegen eine Impfpflicht bin, die Impfung selbst befürworte ich ausdrücklich. Im Januar letzten Jahres habe ich mich impfen lassen und im Dezember hatte ich meine Booster-Impfung; alles mit Comirnaty (der Impfstoff von Biontech). Ich hatte kaum Nebenwirkungen, maximal etwas Schmerzen an der Einstichstelle und Müdigkeit. Die Impfung gab mir ein gewisses Sicherheitsgefühl, zumindest nicht stark an Corona zu erkranken. Und tatsächlich habe ich mich - Stand heute - nicht infiziert, oder habe es auf jeden Fall nicht bemerkt. Also mein Appell an alle: Lasst euch impfen!
Quellen:



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