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Mach, was wirklich zählt.

  • Autorenbild: Anton Adler
    Anton Adler
  • 1. Aug. 2021
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 1. Nov. 2023

Frühjahr 2020: Die COVID-19-Pandemie überfällt die Welt plötzlich und legt die Schwächen unseres Gesundheitssystems dar. In friedlichen Zeiten funktioniert es überwiegend gut, doch in Krisen stößt es an seine Grenzen. Die Ärzt:innen können sich mangels Masken nicht ausreichend schützen, die Krankenhäuser sind zu klein, um Corona-Patient:innen hinreichend zu isolieren. In Italien transportieren Militärkolonnen Verstorbene durch die Stadt, da die Bestattungsfirmen nicht mehr hinterherkommen. Verhindern soll das in Zukunft die "Nationale Reserve Gesundheitsschutz". Doch die löst nicht alle Probleme.


Jens Spahn, der ewige Skandalminister, hat letzten Mittwoch eine Strategie vorgestellt, die helfen soll, künftige Pandemien besser zu meistern. Sie soll sogar noch besser sein als seine vorherige Idee, minderwertige Masken zu kaufen. Die "Nationale Reserve Gesundheitsschutz" (was für ein typisch deutscher Name!) sieht vor, dass es künftig stets einen Vorrat an Masken, Handschuhen, Schutzanzügen, Desinfektionsmitteln und Beatmungsgeräten geben soll, der für sechs Monate reicht. So kann zum Beispiel verhindert werden, dass Masken in Deutschland knapp werden, wenn ein Land plötzlich seine Grenzen schließt.


Diese Strategie ist zweifelsfrei ein Schritt in die richtige Richtung, leider übersieht der Minister aber eine wichtige Sache: Es bringt einer Patientin herzlich wenig, ein Beatmungsgerät zu haben, wenn es niemanden gibt, der sie betreut. Für eine ausreichende Behandlung braucht es bei aller hochmodernen Technik nach wie vor medizinisches Personal. Und ein Arzt kann nun mal nur eine begrenzte Anzahl von Patient:innen behandeln.


Hier kommt aber auch schon das große Problem: Menschen lassen sich sehr schwer auf Vorrat anlegen. Man kann ja schließlich nicht sechs Jahre Medizin studieren, nur um dann ohne Arbeit zu sitzen und auf die nächste Pandemie zu warten. Die Lösung könnte die Einführung eines "Freiwilligen Medizinischen Jahres" sein.


Der Titel dieses Artikels ist der wichtigste Werbeslogan der Bundeswehr. Ich weiß nicht, wie es bei euch ist, aber ich musste beim Gedanken an sie sofort an ihn denken. Da ich mittlerweile 18 bin, habe ich in letzter Zeit viele Flyer mit diesem Spruch per Post bekommen, häufig mit einer persönlichen Note dazu à la "Soldat Adler". Mach, was wirklich zählt. Aha, das zählt also wirklich? Sich in einer Gruppe mit Rechtsradikalen zusammen in einem streng hierarchischen, undemokratischen System darauf vorzubereiten, Menschen zu töten, um dann im Ernstfall von einer Drohne oder einer Atombombe getötet zu werden? Nur um das klarzustellen: Ich will nicht sagen, alle Soldat:innen seien rechtsradikal und möchte auch nicht die Armee abschaffen. Aber es ist doch schon merkwürdig, dass ein Land, welches strikt gegen Krieg ist, eine Organisation besitzt, die auf eben jenen vorbereitet. Die Bundeswehr muss sich komplett umdefinieren und eher als Friedensarmee auftreten. Doch diese Frage böte Stoff für einen eigenen Artikel, ich komme also wieder zurück zum eigentlichen Thema.


Auf jeden Fall ist der Gedanke des "Jahres für die Armee im Dienste des Vaterlandes" längst veraltet. Generell ist die Grundidee dahinter aber sehr richtig, ein Jahr seines Lebens mal nicht in die eigene Karriere zu investieren, sondern der Allgemeinheit zu schenken. Schließlich kriegt man ein Teil davon wieder von anderen zurück, wenn das alle machen. Deshalb ist es gut, dass das Freiwillige Soziale Jahr geschaffen wurde. Leider absolvieren dieses aber weniger als ein Viertel der jungen Leute. Ändern ließe sich das mit einer Pflicht - schließlich gab es ja auch schon mal die Wehrpflicht. Dann muss es aber auch viel mehr Möglichkeiten geben. Und hier kommen wir wieder zurück zum Freiwilligen Medizinischen Jahr.


Beim FMJ kriegt man ein Jahr lang eine grundlegende medizinische Ausbildung. Sie ist eher praxisorientiert. Hier lernt man alles, was nach einer Naturkatastrophe oder eben in einer Pandemie wichtig ist. Neben einem Erste-Hilfe-Kurs werden den Teilnehmer:innen grundlegende Fähigkeiten wie Blutdruck- und Temperaturmessen beigebracht; vor allem aber, wie man richtig testet und impft. Zusätzlich können die Anwendungsbereiche bestimmter wichtiger Medikamente gezeigt werden (z. B. Verabreichung von Iod-Tabletten bei erhöhter Radioaktivität). Nach erfolgreicher Absolvierung des FMJ kriegt man dann den Status als "Medizinische:r Helfer:in in Notsituationen" zugesprochen. Danach geht man seiner beliebigen Berufskarriere nach und wird Bäcker:in, Lehrer:in oder Pilot:in. Sollte es aber eines Tages in der Nähe eine große Katastrophe mit vielen Verletzten geben oder eine Pandemie, kommt man zum Einsatz. Natürlich wird man dafür angemessen entlohnt. Besonders attraktiv könnte das FMJ für Menschen werden, die während des Lockdowns zeitweise arbeitslos wurden; wie etwa Theaterschauspieler:innen, die sich dann finanziell über Wasser halten und gleichzeitig Menschen helfen können.


Natürlich ersetzt so ein Absolvent keine Ärztin mit sechs Jahren Medizinstudium, aber das muss er auch nicht. Er wird keine Gehirnoperationen durchführen, sondern grundlegende Routineaufgaben, die in einer Pandemie aber sehr wichtig sind. Beim Impfen muss man nur einige wichtige Sachen beachten, es kann problemlos in einem Jahr erlernt werden. Und werden solche Routineaufgaben vom Absolventen abgedeckt, kann die Ärztin sich vollständig auf die Patient:innen mit schweren Verläufen konzentrieren.


Die Weltbevölkerung wächst jährlich um etwa 82 Millionen Menschen; das sind etwa so viele wie in Deutschland leben. Gleichzeitig steigt der Verstädterungsgrad* kontinuierlich an, die Menschen leben immer dichter zusammen. Wer bei solchen Bedingungen denkt, die Corona-Pandemie wird die letzte sein, ist mehr als naiv. Es wird in Zukunft immer mehr Ausbrüche von Krankheiten geben. Und wenn wir nicht in einem ewigen Lockdown leben wollen, müssen wir auf die nächste Pandemie vorbereitet sein. Meine Idee mag zu klein sein, um so eine große Herausforderung zu lösen. Aber das Problem solcher globalen Krisen ist ja gerade, dass sie keinen einfachen Ausweg haben. Da unterscheidet sich der Klimawandel wenig von der Pandemie. Die einzige Lösung besteht darin, viele kleine Ideen umzusetzen. Und vielleicht findet mein Ansatz da eine Anwendung.



Bemerkung vom 13.06.2022: Ich muss mich für diesen Artikel entschuldigen. Es geht dabei nicht um die Idee des FMJ, ich finde sie weiterhin gut, sondern um meine Kritik an der Bundeswehr. Nicht nur bin ich generell angesichts der Umstände, die gerade herrschen, froh, dass es jemanden gibt, der uns im Notfall beschützt. Vor allem war aber die Kritik sehr unprofessionell geschrieben. Sätze wie: "Sich in einer Gruppe mit Rechtsradikalen zusammen in einem streng hierarchischen, undemokratischen System darauf vorzubereiten, Menschen zu töten [...]", sind einer journalistischen Arbeit nicht würdig.


Selbstverständlich bleibt der Artikel trotzdem unverändert online. Ich stehe zu dem, was ich mal gesagt habe. Ich will mit dieser Bemerkung aber zu wissen geben, dass ich den Artikel so heute nicht mehr schreiben würde.



Glossar:


Verstädterungsgrad: Der Begriff gibt den Anteil der Bevölkerung an, die in Städten leben.


Quellen:

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