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An alle Lesers

  • Autorenbild: Anton Adler
    Anton Adler
  • 18. Apr. 2021
  • 2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 23. Okt. 2022

Sternchen, Doppelpunkt, Schrägstrich, Binnen-I und Gender Gap. Als hätte jemand Satzzeichen zerstreut, durchzieht das Wirrwarr der Gender-Zeichen unsere Sprache. Im Radio lässt man eine Pause, als gäbe es eine Störung im Signal. Artikel werden unlesbar durch unzählige Aufzählungen des weiblichen Geschlechts. Einheitliche Regeln gibt es nicht, was das Chaos noch weiter verstärkt. Wird die Ästhetik der Sprache durch das Gendern gefährdet? Ja. Sollte man deshalb auf dieses verzichten? Nein.

Denn was vielen nicht bewusst ist: Sprache ist ein sehr mächtiges Werkzeug, das einen unermesslichen Einfluss auf unser Denken hat. Man erinnere sich nur an die vielen Metaphern und Symbole, die das NS-Regime zur Beschönigung ihrer grauenhaften Taten verwendet hat. Begriffe wie „Blut“ und „Boden“ sollten den Nationalstolz anfachen, und der Schriftzug „Arbeit macht frei“ gab vielen KZ-Häftlingen die nie erfüllbare Hoffnung, tatsächlich nach viel Arbeit befreit zu werden. Aber man braucht gar nicht so weit zurückzublicken: Eine „Flüchtlingsbewegung“ hört sich nüchtern und ziemlich offen für Interpretationen an, eine „Flüchtlingswelle“ lässt hingegen ein Bild im Kopf entstehen von Millionen Flüchtlingen, die wie eine Welle Europa unter sich begraben.


Spricht man vom Arzt oder vom Lehrer, denkt man unweigerlich an einen Mann. Da können Vertreter:innen des generischen Maskulinums behaupten, was sie wollen. Hört man diese Formen andauernd über einen längeren Zeitraum, prägt sich das Gehirn ein, es gebe keine Ärztinnen und Lehrerinnen. Das ist ein natürlicher Prozess, den man auch nicht unterdrücken kann. Der einzige Ausweg: alle Geschlechter benennen.


Aktuelle Varianten der genderneutralen Sprache (einheitliche Regeln gibt es bisher nicht):


In einem Punkt muss man den Kritiker:innen aber recht geben. Zweifelsohne büßt die Sprache durch das Gendern an Ästhetik ein. Der Textfluss wird beim Lesen unterbrochen, vom Sprechen ganz zu schweigen. Außerdem werden bei allen zurzeit geläufigen Varianten nur das weibliche und das männliche Geschlecht genannt. Zwar erhebt das Gendersternchen den Anspruch, alle Geschlechter miteinzubeziehen. Doch das ist in etwa das Gleiche wie nur die männliche Form zu nennen und mit einem Symbol das Ganze retten zu wollen (♂♀). Wir werden in Zukunft somit wieder ein Problem haben. Jetzt kann man natürlich fünf weitere Doppelpunkte an die Wörter hängen. Mein Vorschlag wäre, neue, völlig neutrale Bezeichnungen zu bilden. Aus Präsident:innen macht man „Präsids“, aus Richter:innen „Richts“ und aus Lehrer:innen „Lehrs“.


Sprachkonservative Menschen dürften beim Lesen dieser Zeilen gerade nahe der Ohnmacht gekommen sein. Wollen wir aber wirklich eine Sprache haben, die gerecht, neutral und lesefreundlich ist, scheint mir das die einzige Wahl zu sein. Wie ich schon erwähnt habe: Sprache ist ein Werkzeug. Und ein Werkzeug muss sich immer dem Zweck anpassen. Wer anderer Meinung ist, der versuche weiterhin eine Schraube mit einem Hammer in die Wand zu schlagen.


Quellen:

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