Ich nehme die rote Pille
- Anton Adler

- 6. Aug. 2020
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. Okt. 2022
Sollten Journalisten immer die Wahrheit sagen? Die Antwort auf diese Frage scheint selbstverständlich. Natürlich sollten sie, wozu sind sie denn sonst da? Aber was wäre, wenn ein wahrheitsgetreuer Artikel eines Journalisten einen Atomkrieg auslösen würde?

"You are fake news!", hört man den Präsidenten der Vereinigten Staaten Donald Trump oft insbesondere in Richtung der Journalisten des CNN rufen. Doch anders als seine Spekulationen angeblicher "Lügenpresse", findet man vermehrt tatsächliche Falschmeldungen auf verschiedenen Webseiten oder Sozialen Netzwerken. Aber dieser Artikel soll nicht davon handeln, sondern von Journalisten, die eigentlich immer die Wahrheit berichten, aber bei einem Artikel fatale Folgen bei der Veröffentlichung fürchten.
Hierzu ein Beispiel: Zwei Staaten stehen nicht in dem besten Verhältnis zueinander, wenige Tropfen würden ausreichen, um das Fass zum Überlaufen zu bringen und einen Atomkrieg mit unvorstellbaren Folgen auszulösen. Nun wird in dem einen Land der Ministerpräsident ermordet, der vom Volk sehr geliebt wurde. Laut offiziellen Angaben war es eine rechtsextreme Terrorgruppe, die ausschließlich aus den eigenen Staatsangehörigen bestand. Nun findet ein freier Journalist allerdings nach langer Recherche heraus, dass die Mörder in Wirklichkeit Spione des verfeindeten Staates sind, die im Auftrag der Regierung geschickt wurden. Der Journalist sammelt alle Informationen, erstellt einen Artikel und möchte ihn bereits einer großen Zeitung einreichen; da zögert er. Sein Artikel wird wahrscheinlich einen Atomkrieg auslösen. Sollte er ihn veröffentlichen oder nicht?
Um diese Frage zu analysieren, sollte man zunächst klären, was eine "Lüge" eigentlich ist. Laut der Definition vom Duden ist eine Lüge eine "bewusst falsche, auf Täuschung angelegte Aussage; absichtlich, wissentlich geäußerte Unwahrheit". Das mag im Allgemeinen zutreffen, im journalistischen Sinne bedeutet es für mich aber mehr. Eine Lüge ist nicht nur "die Unwahrheit sagen", sondern die Wahrheit verdrehen, zu unter- oder übertreiben oder eben Wichtiges auszulassen. Ein Nachrichtendienst kann also immer die Wahrheit publizieren und dabei trotzdem "lügen".
Wie das geht? Stellen wir uns eine Zeitung vor, die vor einer Wahl über zwei Kandidaten berichtet. Über den Kandidaten A sammelt sie absichtlich alle von ihm verrichteten "schlechten Taten", über den Kandidaten B nur seine "guten Taten". Somit schreibt diese Zeitung an sich immer die Wahrheit und trotzdem erhalten die Leser eine verdrehte Version dieser, bei der der Kandidat B anscheinend besser ist. Dabei wurden einfach die jeweils guten Taten des Kandidaten A und die schlechten des Kandidaten B ausgelassen.
Natürlich ist es für einen Nachrichtendienst sehr schwer, immer ausgeglichen zu berichten und das verlangt ja auch niemand. Wichtig ist nur, nicht absichtlich eine Seite ins bessere Licht zu stellen.
Nach dieser Definition würde unser Journalist also die Wahrheit vertuschen, wenn er den Artikel zu den echten Mördern nicht publizieren würde und sich auf Dauer somit zu einem unglaubwürdigen Berichterstatter machen. Sollte er es dennoch tun, um einen Krieg, der Millionen das Leben kosten würde, zu verhindern?
Meine klare Position dazu: Nein, er sollte es nicht tun. Die Wahrheit muss immer an vorderster Stelle stehen. Die Aufgabe eines Journalisten ist es, die Menschen über alle wichtigen Informationen, die er erfährt, aufzuklären.
Schauen wir uns am besten ein weniger extremes Beispiel an: In einem Land (nennen wir es doch einfach "Papierland") lebt es sich ausgesprochen gut. Papierland hat eine sehr starke Wirtschaft, ein ausgezeichnetes Sozialsystem, die Kriminalität grenzt an null, Krankenhäuser sind für alle verfügbar und auf dem neusten technischen Stand und so weiter. Seltsam finden die Bewohner von Papierland nur die riesigen Mauern an den Grenzen, aber da sie schön bemalt sind, stören die sie auch nicht weiter. Hinter diesen Mauern leben die Menschen im Krieg, die Armut ist groß, es gibt kaum Nahrung und Trinkwasser, von Medikamenten ganz zu schweigen. Sollte die Papierbevölkerung etwas darüber erfahren? Zurzeit führen sie ein sorgenloses Leben, das wäre durch das Wissen dessen, was hinter der Mauer passiert, aber schnell vorbei. Beim täglichen Sonnenbaden und Cocktailschlürfen würden sie sich ab jetzt immer schlecht fühlen.
Sollten sie es also wissen? Ja, auf jeden Fall! Es ist ein sehr großer Unterschied, ob die Papiermännchen von der Situation hinter der Mauer wissen, aber kein Verlangen verspüren, den Menschen zu helfen, oder sie nicht helfen, weil sie erst keine Ahnung von der Lage haben. Denn im zweiten Fall fehlt ihnen die Entscheidungsmöglichkeit. Journalisten informieren die Menschen bloß, was die Menschen dann aus diesen Informationen machen, liegt in ihrer Hand.
Kommen wir zurück zu unserem Journalisten. Ein Artikel, ein einfacher Text, löst keinen Atomkrieg aus; höchstens die Handlungen der Menschen, die diesen Artikel lesen werden. Sie könnten genau so gut versuchen, die Situation mit friedlichen Mitteln zu lösen, es ist ihre Entscheidung. Der Journalist hat seine Arbeit getan, den Menschen die Wahrheit gebracht. Für die Folgen dieser Wahrheit übernimmt er keine Verantwortung.
Ein weiteres Problem birgt das "gelegentliche Lügen". Wenn ein Journalist beschließt, immer nur die Wahrheit zu berichten, lässt das keine Unklarheiten offen. Sagt er hingegen: "Ich werde immer die Wahrheit publizieren und nur, wenn diese Wahrheit katastrophale Folgen haben könnte, werde ich schweigen oder lügen.", ist das sehr ungenau. Zunächst wird er nur beim Risiko eines Krieges die Wahrheit vertuschen, aber dann das Ganze weiterführen. Erfährt er über Korruption in der Regierung, wird er denken: "Menschen werden auf die Straße gehen, um zu demonstrieren und dann von Polizisten zusammengeschlagen werden. Dieses Leid erspare ich ihnen und schweige lieber." Somit entsteht eine Lügenspirale, bei der letztendlich der Journalist jeder unbequemen Wahrheit ausweichen wird.
Mein Fazit: Ja, Journalisten sollten immer die Wahrheit sagen.
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