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Und täglich grüßt das Murmeltier

  • Autorenbild: Anton Adler
    Anton Adler
  • 30. März 2024
  • 5 Min. Lesezeit

Mal wieder wird uns heute Nacht eine Stunde unserer Zeit gestohlen. Aber wirklich zum letzten Mal!


Zeitumstellung Symbolbild

Service-Beitrag: Heute Nacht werden die Uhren um eine Stunde von zwei auf drei Uhr vorgestellt. Kleine Merkhilfe: Im Frühjahr werden die Gartenmöbel vor das Haus gestellt, im Herbst kommen sie wieder zurück! Bla bla bla ...


Jedes Jahr aufs Neue müssen wir von etlichen Medienhäusern diese Artikel ertragen. Für sie ist es eine willkommene Sache: So ein Artikel ist schnell geschrieben (d. h. vom letzten Jahr kopiert) und wird doch oft angeklickt, weil entweder diese dämliche Merkhilfe nicht sitzen bleibt oder man überlegt, ob die Zeitumstellung jetzt am ersten oder letzten Sonntag im März war. Am Ende des Artikels kommt dann noch der Hinweis, dass sich die EU bislang nicht auf eine Abschaffung der Zeitumstellung einigen konnte. Hm, na dann eben nächstes Jahr.


Die Zeitumstellung sollte Energie sparen - das hat sie nicht.


Die Idee hinter der Sommerzeit war simpel: Am 21. Juni geht die Sonne in Berlin nach der Standardzeit um 03:43 Uhr auf und geht um 20:33 Uhr unter. So früh ist natürlich kein Mensch wach, aber nach halb neun durchaus noch. Schwups, drehen wir also schnell am Zeiger und schenken uns eine Stunde mehr Licht. Da aber im Winter der Sonnenaufgang nach der Zeit erst um 09:15 Uhr wäre, muss im Herbst die Uhr wieder zurückgestellt werden.

Jetzt kommt aber das Lustige: Die Idee kam nicht gerade vor dem 18. Jahrhundert auf, als die Möglichkeiten der künstlichen Beleuchtung stark begrenzt waren und das Fehlen von Sonnenlicht tatsächlich Dunkelheit bedeutete. Erstmals wurde sie um das Jahr 1900 herum diskutiert. In Deutschland wurde sie dreimal eingeführt: während der beiden Weltkriege und als Folge der Ölkrise 1980, das letzte Mal dann endgültig. Bis 1996 wurden die Regelungen in der gesamten EU vereinheitlicht. Der Grund für die Einführungen war nicht das grundsätzliche Fehlen von Licht, sondern die Kosten, die mit der Lichterzeugung verbunden waren. So eine Straßenlaterne eine Stunde länger laufenzulassen, ist halt nicht gerade billig.


Nun könnte das ja auch aus Klimagründen durchaus eine sinnvolle Sache sein - hätte sich die Annahme leider nicht als falsch erwiesen. Zwar wird tatsächlich Energie für die Lichtproduktion eingespart, jedoch wird in den Morgenstunden im Frühling und Herbst mehr geheizt - das macht die Einsparung wieder zunichte. Und da die Effizienz von Lampen mit der Zeit immer besser geworden, während die der Heizungen eher gleich geblieben ist, fällt die Energiebilanz dieser "Stromsparmaßnahme" sogar negativ aus.


Symbolbild Schlaflosigkeit

Hinzu kommen weitere wirtschaftliche Kosten wie IT-Systeme, die damit klarkommen müssen, dass ein Download um 02:20 Uhr begonnen und um 02:10 Uhr abgeschlossen wurde und entsprechend programmiert werden müssen. Kühe werden plötzlich eine Stunde früher gemolken. Die Kontinuität von wissenschaftlichen Messungen ist nicht gegeben, dem öffentlichen Verkehr bereitet es Probleme, Nachtschichten und und und ...


Nicht zu vergessen die gesundheitlichen Kosten. Laut Schlafforscher:innen könne die Zeitumstellung Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Schwankungen der Herzfrequenz bis hin zu einer Erhöhung des Herzinfarktrisikos und Verdauungsbeschwerden hervorrufen. Der Hormonspiegel würde teilweise bis zu viereinhalb Monate brauchen, um sich an die neue Zeit anzupassen. Die Zeitumstellung wird deshalb auch mit einem Jetlag verglichen. Das alles erzeugt natürlich auch wieder Kosten durch geringere Produktivität und steigende Gesundheitsausgaben. Und was die Tageslichtausnutzung angeht, könnte man ja auch flexible Arbeitszeitmodelle nutzen und je nach Jahreszeit den Arbeitstag zu einer anderen Zeit starten.


Jetlag

Jetlag ist ein Zustand, der durch eine zeitliche Verschiebung der inneren biologischen Uhr eines Menschen entsteht, insbesondere nach Langstreckenflügen über mehrere Zeitzonen hinweg. Die Symptome umfassen Schlafstörungen, Müdigkeit, Schwierigkeiten bei der Konzentration, Verdauungsprobleme und allgemeines Unwohlsein. Dies tritt auf, weil der Körper Zeit benötigt, um sich an den neuen Tages- und Nachtzyklus des Zielorts anzupassen. Eine Anpassung der inneren Uhr kann einige Tage dauern, je nach der Anzahl der überquerten Zeitzonen und der individuellen Anfälligkeit für Jetlag.


Aber gut, wir machen alle Fehler. Man hat etwas probiert, es hat sich als falsch herausgestellt. Dann nehmen wir das eben einfach wieder zurück. Doch halt! Wir sind ja eine Demokratie! Auch wenn alles gegen eine Zeitumstellung spricht, sollte man trotzdem die Bürger:innen entscheiden lassen. Also führte die Europäische Kommission im Jahr 2018 eine nicht repräsentative Studie durch. Ergebnis: 84 % sind für eine Abschaffung. Dann steht dem nichts mehr im Weg, oder?


Tatsächlich schien es zunächst so. Kurz nach Veröffentlichung der Umfrage sagte der damalige Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker im Interview zur Abschaffung: "Die Menschen wollen das, wir machen das." BÄM! Kurz und knapp, ohne dieses Politiker-Rumgeschwafel. Wir machen das. Schnell wurde von der Europäischen Kommission ein Plan erarbeitet und das Europäische Parlament stimmte dem zu. Kurz gesagt konnten alle Länder nach Absprache mit ihren Nachbarn selbst entscheiden, ob sie die ewige Winter- oder Sommerzeit wählen - nur die Zeitumstellung sollte in jedem Fall wegfallen. Damit wollte man einen Flickenteppich in der EU verhindern und so den Binnenmarkt schützen. 2021 sollten das letzte Mal die Uhren umgestellt werden.


Foto der Europäischen Kommission

Der Ball lag also bei den Mitgliedsstaaten. Diese forderten allerdings ein gemeinsames Konzept von der Kommission. Denn wenn alle selbst entscheiden, würde ja gerade dieser Flickenteppich entstehen. Das Problem: Für ein gemeinsames Konzept bräuchte es eine gemeinsame Position. Und die sucht man wie bei vielen Fragen in der EU vergebens. Da gibt es einmal ein Nord-Süd-Gefälle. Die Mittelmeer-Länder sprechen sich für eine ewige Sommerzeit aus, da die langen Abende unter anderem steigende Tourismus-Einnahmen bedeuten. Die skandinavischen Länder wollen hingegen eine ewige Winterzeit, da für sie aufgrund ihrer Nähe zum Polarkreis eine Sommerzeit im Winter einen noch späteren Sonnenaufgang bedeuten würde. Und dann gibt es ein Ost-West-Gefälle. Die Mittel-Europäische Zeit (MEZ) ist sehr breit, erstreckt sich von Spanien bis Polen und entspricht nicht den natürlichen Zeitzonen. Würde man sich strikt an den Grundsatz halten, ein Land würde stets die Zeitzone benutzen, in der der Großteil des Landes liegt, sehe die Verteilung ganz anders aus. Das wurde auch dem Binnenmarkt zuliebe gemacht, führt aber zu den Sonnenwenden zu Extremen, die durch die Zeitumstellung etwas abgemildert werden. Ein Ende der Umstellung würde also wohl zu einem Ende der breiten MEZ führen.


Wenn die EU schon nicht in der Lage ist, so "kleine" Vorhaben wie die Abschaffung der Zeitumstellung anzugehen, wie soll es dann erst bei großen Vorhaben klappen?

Wenn zwei sich streiten, freut sich ... niemand: Die Abschaffung erfolgt wegen der ganzen Differenzen erst mal nicht, wobei sich dieses "erst mal" nun schon seit über fünf Jahren zieht. Und natürlich gab es für die EU wichtigere Dinge zu tun: Brexit, dann Corona, jetzt der Krieg in der Ukraine. Aber gerade deshalb hätte man doch so ein "nebensächliches" Thema schnell entscheiden und hinter sich bringen und sich wieder den "wichtigen" Themen widmen können.


Das Beispiel der Zeitumstellung verdeutlicht so ein grundsätzliches Problem der EU: Damit ein Gesetz verabschiedet werden kann, muss es von drei unterschiedlichen Institutionen angenommen werden, von denen zwei nur über tausend Ecken demokratisch legitimiert sind. Im Rat der EU gilt für viele Vorhaben das Einstimmigkeitsprinzip. Das mag bei einer kleinen Zahl von Mitgliedsstaaten ja noch irgendwie funktioniert haben. Doch das Staatenbündnis ist seit Einführung dieser Regeln stark gewachsen. Wenn dann noch einige der Regierungen auf autokratischem Fuß sind, wird jedes einzelne Gesetzesvorhaben zu einer endlosen Brut. Und wenn die EU schon nicht in der Lage ist, so "kleine" Vorhaben wie die Abschaffung der Zeitumstellung anzugehen, wie soll es dann erst bei großen Vorhaben klappen? Sie braucht dringend Reformen. Wie genau sie aussehen könnten, werde ich mal in einem separaten Artikel aufzeigen.


Was die Zeitumstellung angeht, werden wir auf absehbare Zeit weiter damit leben müssen. Also: Vergesst nicht, heute früher schlafen zu gehen. Ihr werdet es morgen brauchen.




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